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Geschichte der Kirche von St.Thomas

Wandte man sich vor etwa 100 Jahren von dem damals noch nördlich der Ulmer Straße gelegenen Vorortbahnhof zwischen den nach Nürnberg und Ulm führenden Bahnlinien zum neuen Gaswerk und stieg auf eine Aussichtsplattform, so übersah man im Nordwesten, Westen und Süden weithin unbebautes Gelände. Bis zu den Kirchtürmen von Kriegshaber und Stadtbergen war der Blick frei, im Süden begann jenseits des Großen Exerzierplatzes erst bei den Fabriken von Pfersee wieder dichteres Mauerwerk. Größere Bautätigkeit in Neukriegshaber, stand erst bevor und erfolgte nach 1930.

Die Kirchtürme von Kriegshaber waren die der 1868 erbauten katholischen Kirche Heiligste Dreifaltigkeit. Evangelische Christen verfügten im 19. Jahrhundert nicht über ein eigenes Gotteshaus. Sie wurden ab 1845 zur protestantischen Pfarrei Heilig Kreuz gezählt. Kriegshaber war damals ein Dorf vor den Toren Augsburgs, noch ohne Straßenbahnanbindung.

1908 gründete sich in dem Dorf Kriegshaber ein evangelischer Verein. Er setzte sich zum Ziel ein Gemeindehaus für die zu dieser Zeit 300 Protestanten im Ort zu errichten.

1916 wurde der Vorort Kriegshaber zur Stadt Augsburg eingemeindet. Zwei Jahre später, 1918, stellte sie einen Saal in der alten Schule für Bibelstunden zur Verfügung, in dem auch Kindergottesdienste durch den evangelischen Verein abgehalten wurden. Wie sich Erika Grieshammer erinnert, organisierte der Verein zudem Weihnachtsfeiern für eine überschaubare Gemeinde. Damals, so sagt sie, hatten es Evangelische in Kriegshaber nicht einfach. Das ist erst mit der Zeit besser geworden.

Seit 1930 war Neukriegshaber Teil des Seelsorgebezirks des Stadtvikars von St. Johannes (Oberhausen). 1932 zählte die evangelische Gemeinde bereits 600 Gemeindeglieder, was vermutlich mit der regen Bautätigkeit zu Beginn der 1930er Jahre im Zusammenhang steht.

Zu bauen begann auch die katholische Kirche. Sie errichtete 1936, um dem Wachstum Neukriegshabers Rechnung zu tragen, in der Tunnelstraße eine Holzbaracke als Notkirche, drei Jahre später wurde mit dem Bau von St.Thaddäus begonnen. Fertiggestellt wurde der Bau erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch Juden hatten bis in die 1930er Jahre hinein mit der Synagoge in der Ulmer Straße einen Platz in Kriegshaber. Bis 1938 lebten noch etwa 50 von ihnen hier. Ein Teil war bereits nach 1933 ausgewandert. Die, die zurückgeblieben waren, ermordeten die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Auschwitz und Piaska.

1940 erwarb die evangelische Gemeinde einen Kirchenbauplatz am Osterfeld. Zu dieser Zeit fanden regelmäßige Bibelstunden in der Diakonissenstation Reichensteinstr. 36 statt.

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aus: Evang.-Luth. Gemeinde St.Thomas, Augsburg-Kriegshaber (Hrsg.): 50 Jahre St.Thomas.  Augsburg 2011. S.9-10

Im Juni 1946 begann die Betreuung der evangelischen Gemeinde in Kriegshaber durch Vikar Robert Bönisch, der als Amtsaushilfe bei St. Johannes unter dem dortigen Pfarrer Limpert tätig war. Er war kurze Zeit zuvor aus dem Rheinland nach Augsburg gekommen und hatte zunächst einfach im Dekanat nach Arbeit gefragt. Die Pläne, eine Kirche für die evangelische Gemeinde zu bauen, sind offenbar weiterverfolgt worden, denn 1949 erfolgte die Gründung eines Kirchenbauvereins.

Erste regelmäßige Gottesdienste in Kriegshaber wurden 1950 im späteren Pfarrhaus, Reichensteinstraße 36, jeweils am 1. Sonntag im Monat abgehalten. Ab 1951 vierzehn-tägig und ab Pfingsten 1952 an jedem Sonntag. „Die ersten Gottesdienste“, erinnert sich Robert Bönisch jr., „ich weiß, die waren nicht regelmäßig, fanden in unserem Wohnzimmer statt. Da wurden einfach ein paar Stühle aufgestellt …“.

Seit 1950 hatte die Gemeinde acht eigene Kirchenvorsteher. 1951 war auf dem Grundstück Reichensteinstraße 36 eine Notkirche errichtet und am 9. September  feierlich eingeweiht worden. Sie bot immerhin 200 Gottesdienstbesuchern Platz. Für normale Gottesdienste war das ausreichend sagt Gerda Blötscher, eine der ersten Konfirmandinnen in der späteren St.Thomas-Kirche, zu Weihnachten und Ostern – ergänzt Heidi Naßl, auch aus diesem Kreis, – gab es oft nur noch Stehplätze.

Am 23. September des selben Jahres fand in der Notkirche die 1. Konfirmationsfeier statt.

Im Jahr 1955 beantragte die Gemeinde bei der Gesamtkirchenverwaltung Augsburg den Bau einer Kirche. Der Antrag wurde abgelehnt. Im darauf folgenden Jahr fand ein neuer Vorschlag, in Kriegshaber eine Kirche mit Gemeindesaaal und Pfarrhaus zu bauen die Zustimmung der Gesamtkirchenverwaltung. Aus finanziellen Gründen plante man in längeren Zeitabschnitten.

Nachdem die Kirchengemeinde zuerst den Architekten … favorisiert hatte,  schlug die Landeskirche den Architekten Olaf Andreas Gulbransson vor, der dann am 25. November 1959 den ersten Spatenstich zum Bau der Kirche in Kriegshaber tat. Am 31. Januar 1960 schloss sich dann die feierliche Grundsteinlegung für das neue Gotteshaus an.

Die fünf Kirchenglocken wurden am 3. März 1960 bei der Glockengießerei Czudnochovski in Erding in Auftrag gegeben und am 1. September 1960 in Anwesenheit einiger Kirchenvorsteher gegossen. Am 9. September 1960 fand das Richtfest für die neue Kirche statt. Im April 1961 begann der Kunstmaler Hubert Distler mit dem Malen des Altarbildes und beendete diese Arbeit am 4. Mai. Zugleich entwarf er die Antependien (Kanzel und Altarbehänge).

Am 17. September 1961 wurde der letzte Gottesdienst in der liebgewordenen Notkirche an der Reichensteinstraße 36 gefeiert. Eine Woche darauf fand die Einweihung der neuen St.Thomas-Kirche durch Oberkirchenrat Dr. Wilhelm Schmidt (München) und Dekan KR Dr. Lindenmeyer (Augsburg) statt.

Bereits 1955 war das 1. Stadtvikariat von St. Johannes in ein exponiertes Vikariat Augsburg-Kriegshaber umgewandelt worden, 1957 stellte die Gemeinde an die Landessynode Antrag auf Umwandlung des exponierten Vikariats in eine Pfarrstelle. Im Dezember 1958 wurde schließlich aus dem exponierten Vikariat eine Pfarrstelle. Damit stellte die evangelische Gemeinde in Kriegshaber eine eigenständige Gemeinde dar. Diese war inzwischen erheblich gewachsen. 2400 evangelische Christen fühlen sich ihr zugehörig. Ab 1. September 1959 wurde die neue Pfarrstelle offiziell mit Pfarrer Robert Bönisch besetzt.

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aus: Evang.-Luth. Gemeinde St.Thomas, Augsburg-Kriegshaber (Hrsg.): 50 Jahre St.Thomas.  Augsburg 2011. S.11-13

„Wie zwei Hände, die sich schützend um die Gemeinde legen“

Olaf Andreas Gulbransson

Nach vielen Jahrzehnten der Hoffnung wurde ab 1956 eine evangelische Kirche in Kriegshaber geplant. Der Grundstein wurde am 31. Januar 1960 gelegt. Dieses Gotteshaus ist vor allem wegen seines Architekten Olaf Andreas Gulbransson (*23. Januar 1916 in München; † 18. Juli 1961) und des runden Turms berühmt geworden. Seit 2003 steht es zusammen mit dem ebenerdigen Riegel, der ursprünglich Gemeinderaum, Pfarrbüro und Pfarrhaus bildete,  unter Denkmalschutz.

Prägend für das Werk Gulbranssons ist eine offene Zeltarchitektur, das Spiel mit geometrischen Grundformen sowie die zentrale Anordnung von Altar, Kanzel und Taufbecken. Das Zelt steht für das „Zu-Gast-Sein“ des Menschen auf der Erde und erinnert an das Stiftszelt im Alten Testament. In Gulbranssons Kirchenräumen sind Pfarrer und Gemeinde einander meist in einem offenen (Halb-)Kreis zugeordnet – so, wie sich natürlicherweise eine Gruppe von Hörern um den Redner bildet.

Die Thomaskirche gilt als der wichtigste Kirchenneubau der Moderne in Augsburg. Gulbransson blieb auch bei diesem Gotteshaus seinem Stil treu. Er beschränkte sich auf das Wesentliche, ließ alles Überflüssige weg und schuf in größter Einfachheit den schönen, großen Gottesdienstraum mit 400 Sitzplätzen. St.Thomas präsentiert sich als schlichte Predigtkirche, als Gemeindemittelpunkt, in dem geistliches Leben wächst und sich entfaltet. Die Kanzel befindet sich fast auf gleicher Ebene mit den Bänken der Gemeinde, dem Verständnis entsprechend, dass der Pfarrer nicht wie ein Lehrmeister von oben herab predige.

Gulbranssons Raumideen basieren auf überraschend einfacher Grundrissgeometrie: Kreis, Quadrat oder Dreieck. Als Grundriss für die Thomaskirche wählte er ein gleichseitiges Dreieck, das Symbol für den Dreieinigen Gott, mit abgeschrägten Ecken, in denen die Fensterwände, bzw. der Altarraum untergebracht sind. Die ganze Innengestaltung, sogar das Fußbodenmuster, führt optisch zum Altarraum hin. Den dominanten Akzent des Altarraums setzt das von Hubert Distler in „Fresco-Secco“-Technik ausgeführte Wandgemälde der „Begegnung Jesu mit dem ungläubigen Thomas“.

Das Äußere mit seinem weitgehend geschlossenen Ziegelverbund präsentiert sich als weithin sichtbare „Gottesburg“ in Zeltoptik. Durch den Knick im Kupferdach wirken die hohen Ziegelmauern aufgelockert mit räumlicher Wirkung. Auffallend ist auch der runde Glockenturm mit Betondeckel, der als „Campanile“ etwas von der Kirche abgerückt ist. Das brachte der Kirche Spitznamen als „Fabrikschlot“, ist aber auch als Erkennungsmerkmal in das Logo der Gemeinde eingebaut.

Seit 1969, als die Holzdecke erneuert werden musste, waren immer wieder Renovierungsmaßnahmen notwendig. 1999 wurde das Gemeindezentrum nach Plänen des Architekturbüros Walloschke (Architekt  Kapfer) saniert und erweitert.

Karen Born, <dit>

aus: Evang.-Luth. Gemeinde St.Thomas, Augsburg-Kriegshaber (Hrsg.): 50 Jahre St.Thomas.  Augsburg 2011. S.16-19

Wikipedia Artikel: Olaf Andreas Gulbransson; Robert Stalla (Hrsg): Olaf Andreas Gulbransson (1916 – 1961), Kirchenbauten in Bayern. München, Berlin 2007; Claudia und Anton Fuchs: Kirchen in Augsburg, Geschichte und Gegenwart.

Evang.-Luth. Gemeinde St.Thomas, Augsburg-Kriegshaber (Hrsg.): 50 Jahre St.Thomas.  Augsburg 2011.

Evangelisch-Lutherische Gemeinde St.Thomas Augsburg (Hg.): Festschrift der Evangelischen St.-Thomas-Gemeinde Augsburg zur Weihe der Orgel am 22. Mai 1966.

Evangelisch-lutherisches Pfarramt St.Thomas, Augsburg (Hg.): 25 Jahre St.Thomaskirche zu Augsburg. Augsburg 1986.

Hetzer, Gerhard: Weimarer Republik und Drittes Reich. In: Grünsteudel, Günther / Hägele, Günter / Frankenberger, Rudolf (Hg.): Augsburger Stadtlexikon. 2., völlig neu bearbeitete und erheblich erweiterte Auflage, Augsburg 1998, S. 116-127.

Kreikle, Christian R.: Kriegshaber. Stadtteil am Rand, Kucera, Wolfgang / Forster, Reinhold (Hg.): Augsburg zu Fuß. 16 Stadtteilrundgänge durch Geschichte und Gegenwart, Hamburg 1993, S. 197-207.

Der Architekt

„Es ist der Drang nach Klarheit, Einfachheit, Übersichtlichkeit, das Streben, die äußere Gestalt mit dem Inhalt in Deckung zu bringen.“

Olaf Andreas Gulbransson

Wenige Wochen vor der Einweihung der St.-Thomas-Kirche Kriegshaber starb der Architekt Olaf Andreas Gulbransson im Alter von nur 45 Jahren bei einem Unfall. Er hinterließ ein bedeutsames Werk an Kirchenbauten und –plänen, die heute meist unter Denkmalschutz stehen und ihn ausweisen als einen der genialsten und innovativsten Architekten des protestantischen Kirchenbaus nach dem Zweiten Weltkrieg.
Olaf Andreas Gulbransson wurde am 23.1.1916 als Sohn des aus Norwegen stammenden Karikaturisten und Malers Olaf Gulbransson (1873–1958) und der Schriftstellerin Grete Gulbransson in München geboren. Nach seinem Architekturstudium an der Technischen Hochschule München war der junge Gulbransson nach dem Zweiten Weltkrieg einige Zeit als Regierungsbaumeister in der Obersten bayerischen Baubehörde und in der Werbeabteilung der Firma Agfa tätig.
1953 hatte er den Wettbewerb für eine protestantische Kirche in Schliersee gewonnen, die ihn schnell bekannt machte. Seitdem schuf er als freier Architekt zunächst in Bayern und später im gesamten Bundesgebiet eine Vielzahl richtungweisender evangelischer Kirchenbauten. In den insgesamt zehn Jahren seines Schaffens vollendete er neun Kirchenbauten, zehn waren im Bau und elf weitere in Planung.

Für Gulbransson waren das Gebäude und die Form des protestantischen Gottesdienstes nicht voneinander zu trennen. In seinen „Gedanken zum Kirchenbau“ definierte er durchaus theologisch die Aufgabe eines Kirchengebäudes, die er sichtbar machen wollte. „Der Bau, der Raum geben soll für die Begegnung der Menschen mit Gott, ist nicht in erster Linie an den Zweck gebunden, sondern an den Sinn.“ Dazu ergänzte er: „Wir dürfen aber nicht dem Irrtum verfallen, als gehe es hier um Fragen der Architektur. Es geht nur noch darum, die vom Inneren, von einem unerklärlichen Inneren her, gestellte Aufgabe zu verwirklichen. Dabei scheint es wesentlich, alles Überflüssige wegzulassen, nur in größter Einfachheit und mit den verständlichsten Mitteln den Raum, das Gehäuse, die Schale zu schaffen. Einmal hat jemand gesagt: wie zwei Hände, die sich schützend um die Gemeinde legen. Diesem Ziel hat der Bau zu dienen. Er soll nicht repräsentieren. Er soll tragen, schützen sammeln. Er soll selbst das tun, was in ihm geschieht.“

Das Gebäude habe also die Funktion, „Schale, Gehäuse zu sein für den Gottesdienst; die Gemeinde in die rechte Ordnung zum Altar, zur Kanzel und zum Taufstein zu bringen, zur Predigt und zum Abendmahl; dem Wort, dem Gebet, Gesang und dem Orgelspiel das rechte Gehör zu verschaffen“. Denn „Kirchen entstehen doch nur da zu Recht, wo sie gebauter Ausdruck dessen sind, was in ihnen vorgeht.“

Damit befand er sich in guter protestantischer Tradition, die er mit neuen Mitteln weiterführen wollte: „Der evangelische Gottesdienst schart die Gemeinde um Altar, Kanzel und Taufstein wie eine große Familie. Dies führt fast wie von selbst zu einem stark zentrierenden Raum. Wir wissen, dass die Form des evangelischen Gottesdienstes und der Gedanke des Zentralraumes stets eine enge Beziehung zueinander gehabt haben, und dass seit den Entwürfen des Architekten Sturm zur Barockzeit immer wieder versucht worden ist, für die evangelische Gemeinde zentrierte und zentrale Räume zu schaffen.“

Natürlich suchte er dazu einen „für unsere Zeit gültigen Stil“: „Wir wollen lieber, statt das Wort ‚moderner Stil‘ zu strapazieren, danach fragen, was uns Heutigen schon zu einer Art Allgemeingut, zum festen Begriff, zu einer Richtschnur geworden ist. Es ist die Ehrlichkeit in Material und Konstruktion, der Wunsch, die Form aus Material und Konstruktion erwachsen zu lassen und dann zu sehen, ob diese Form nicht ebenso richtig ist und so schön wie etwa eine antike Säule oder ein Wikingerschiff. <…> Es ist der Drang nach Klarheit, Einfachheit, Übersichtlichkeit, das Streben, die äußere Gestalt mit dem Inhalt in Deckung zu bringen.“

aus. O.A. Gulbransson: Gedanken zum Kirchenbau. Und ders.: Gedanken zum Burgkirchner Kirchbau . Zit. Nach Robert Stalla (Hrsg.): Olaf Andreas Gulbransson (1916-1961). Kirchenbauten in Bayern. München, Berlin 2007, S. 119-124

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